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Roerich in Deutschland

Helena Roerich (1879 - 1955)

(Freie ├ťbersetzung des russischen Originals. Die Rechte am deutschen Text liegen beim ├ťbersetzer

Das wirklich Gro├če ist stets in der Ferne zu sehen. Im Falle des k├╝nstlerischen Erbes der russischen Philosophin und Schriftstellerin Helena Roerich trifft dies unbedingt zu. Vieles, was von dieser herausragenden Frau in der ersten H├Ąlfte des zwanzigsten Jahrhunderts geschaffen wurde, fand erst relativ sp├Ąt Eintritt in das kulturelle und geistige Leben Russlands weckte ein tiefes und unverf├Ąlschtes Interesse bei vielen Landsleuten, die auf der Suche nach Antworten auf dringende Fragen zur Existenz sind.

Helena RoerichHelena Roerich wurde am 12. Februar 1879 in St. Petersburg in der Familie des Architekten und Akademiemitglieds Ivan Schaposchnikow und seiner Frau Ekaterina, geborene Golenischeva-Kutuzova, Gro├čnichte eines gro├čen Feldmarschalls, geboren. M├╝tterlicherseits war sie eine entfernte Verwandte des ber├╝hmten russischen Komponisten Mussorgsky.

Seit fr├╝her Kindheit zeigt sie au├čergew├Âhnliche F├Ąhigkeiten, im Alter von sieben Jahren kann sie schon in drei Sprachen lesen und schreiben. Bereits in jungen Jahren hat sie bereits lebhaftes Interesse an Literatur und Philosophie. Nach dem Abitur am Marien-Gymnasium und Erhalt einer musikalischen Ausbildung erwartet sie eine gl├Ąnzende Karriere als Pianistin. Aber das Leben hat andere Pl├Ąne mit ihr.

Im Jahr 1899 trifft Elena Schaposchnikowa auf dem Anwesen ihrer Tante, F├╝rstin Helena Putyatina, mit dem jungen K├╝nstler Nicholas Roerich zusammen, der nicht nur ihr Ehemann sondern auch Gleichgesinnter werden sollte. Die Gemeinsamkeit in ihren Ansichten, ihre Seelenverwandtschaft und ihre tiefen gegenseitigen Gef├╝hle machten diese Verbindung au├čergew├Âhnlich stark. "Gemeinsam haben wir alle H├╝rden gemeistert, schreibt Nicholas Roerich in den letzen Lebensjahren ├╝ber seine Ehe.- Und die Hindernisse verwandelten sich in M├Âglichkeiten. Ich widmete meine B├╝cher, "F├╝r Helena, meine Frau, Vertraute, Weggef├Ąhrtin und Inspiratorin." "Vertraute" – dieses Wort beschreibt sehr genau den Geist und den Charakter von Helena. Viele Gem├Ąlde von Nicholas Roerich sind das Ergebnis ihrer gemeinsamen Arbeit, ihrer "Zusammen-Arbeit", in der Helena der inspirierende Beginn war. So schreibt Nicholas Roerich: "Wir haben gemeinsam geschaffen, und es hei├čt nicht umsonst, dass Werke zwei Namen tragen sollten – einen m├Ąnnlichen und einen weiblichen."

In diesem "wir haben gemeinsam geschaffen" steckt ein gewaltiger Sinn. Viele Bilder des K├╝nstlers, die Ideen der Lebendigen Ethik darstellen, sind nach Helenas Gedanken und auf ihren Visionen entstanden.

Helena Roerich mit Yuri und Svetoslav. Bologoe 1913Im August 1902 wird ihr Sohn Jurij, zuk├╝nftiger Gelehrter und Orientalist von Weltruf, geboren. Im Oktober 1904 kommt Svetoslav zur Welt, der sp├Ąter K├╝nstler, Denker und gesellschaftliche Pers├Ânlichkeit werden soll.

Helena Roerich war Herz, Mentor und tragende S├Ąule der Familie Roerich. Nicholas Roerich, Yuri und Svetoslav sch├Ątzen die Rolle der Helena als strahlendes Genie der Familie au├čerordentlich. In seinen Memoiren merkt Svetoslav Roerich an: "F├╝r uns und f├╝r alle, die ihr nahe standen, war diese geistige Gemeinschaft wie eine lebendige Best├Ątigung der h├Âchsten Wahrhaftigkeit einer urewigen Wahrheit. Ihr Leben leuchtete wie ein lebendiges Licht, das mit seiner Beispielhaftigkeit die Existenz einer wunderbaren Welt bekr├Ąftigt, deren Erkennung die Menschheit zu neuen Leistungen und neuen Entdeckungen f├╝hrt."

Nicholas Roerich nennt Helena in seinen Werken "Die Leitende". Aber sie war eine erstaunlich bescheidene Frau. Sie trat in das Leben eines bedeutenden K├╝nstlers, aber sie hielt sich stets im Hintergrund. Die meisten ihrer Werke sind unter Pseudonymen ver├Âffentlicht. "<...> Lassen Sie mich vom Sockel heruntersteigen, den Sie mit Ihrem wunderbaren und liebenden Herzen errichtet haben <...> Ich liebe die Einfachheit in allem, jedweden Prunk und Feierlichkeit kann ich k├Ârperlich nicht ertragen. Ich mag nicht lehren, sondern nur Wissen vermitteln"- schrieb sie in einem Brief an einen Freund.

Abgeschnitten von der Heimat durch die Ereignisse im Jahr 1917, reisen die Roerichs nach einem Aufenthalt in Skandinavien nach England. Hier in London, schreibt Helena im Jahr 1920 die ersten Zeilen der Lebendigen Ethik, einem neuen philosophischen System, das ein modernes ganzheitliches Konzept des realen Universums darstellt. Die B├╝cher der Lebendigen Ethik verfasst Helena Roerich in enger Zusammenarbeit mit einer Gruppe anonymer Philosophen, die, der spirituellen Tradition Indiens folgend, Mahatmas, Gro├če Seelen, Rishi oder Lehrer genannt werden.

Im Herbst 1920 reist Helena Roerich zusammen mit ihrem Mann und ihren Kindern nach New York, wo Nicholas Roerich Ausstellungen in St├Ądten der USA geplant hat.

In Amerika ├╝bt eine kleine Gruppe von Gef├Ąhrten unter der F├╝hrung von Nicholas Roerich und direkter Mitarbeit von Helena Roerich eine breit angelegte kulturelle und aufkl├Ąrerische T├Ątigkeit aus. Die Ergebnisse sind verbl├╝ffend: Das Nicholas Roerich Museum, das "Master Institute of United Arts", das Internationale Kunstzentrum ┬źCorona Mundi┬╗. Diese von Nicholas Helena Roerich ins Leben gerufenen Einrichtungen werden zu gro├čen kulturellen Zentren, deren Einfluss weit ├╝ber das Land hinausgeht, sie werden international. Zahlreiche Gesellschaften, Kunstvereine und Bildungseinrichtungen, die unter der Schirmherrschaft dieser Organisationen weltweit t├Ątig sind, vereinigen unter der gemeinsamen Kuppel der Kultur nicht nur kreative Menschen, sondern auch all diejenigen, die bestrebt sind, humanistische Ideale und der Verbesserung des Lebens zu schaffen. "Es ist eine Freude zu sehen, wie sich an Tagen der Zerst├Ârung helle Seelen im Namen der Kultur versammeln und versuchen, das Feuer zu erhalten, den Suchenden nach einem Ausweg aus einer bewusst geschaffenen Sackgasse, die auch materielle Armut mit sich bringt, die Freude einer kreativen Sch├Âpfung und einer Erweiterung des Bewusstseins zu geben“, schreibt Helena.

Helena Roerich auf ExpeditionVon 1924 bis 1928 nimmt Helena an der gewaltigen Expedition teil, die Nicholas Roerich durch schwer zug├Ąngliche und wenig erforschte Regionen Zentralasiens organisiert hat. Sie ist als einzige Frau dabei und h├Ąlt die gesamte schwierige Route durch. Sie teilt mit den anderen Expeditionsteilnehmern alle Strapazen des Weges und t├Âdliche Gefahren. "Hilfe zu bringen, zu f├Ârdern, zu erkl├Ąren, keine M├╝he scheuen – zu allem ist Helena bereit ... Man kann sich nur wundern, woher sie die Kr├Ąfte nahm, besonders wenn man an ihr schwaches Herz denkt, <...> Helena hat mit uns auf dem Pferd ganz Asien durchquert - schreibt Nicholas Roerich – sie fror und hungerte in Tibet, aber sie war stets die Erste, die der gesamten Karawane ein Beispiel an Kraft gab. Und je gr├Â├čer die Gefahr, desto kr├Ąftiger, bereiter und fr├Âhlicher war sie. Selbst bei einem Pulsschlag von 140 war sie bem├╝ht, sich pers├Ânlich in die Ordnung der Karawane und die Regelung s├Ąmtlicher Reisebelange einzubringen. Niemand sah jemals Entmutigung oder Verzweiflung, obwohl es in der Tat eine Menge Gr├╝nde unterschiedlicher Art dazu gab."

Im Jahr 1926 wird in der Mongolei (in Ulan Bator), wo sich zu dieser Zeit die Expedition befindet, Helena Roerichs Manuskript "Grundlagen des Buddhismus" ver├Âffentlicht. In diesem Buch werden die die grundlegenden philosophischen Ideen der Lehren Buddhas wie Reinkarnation, das Gesetz des Karma und Nirwana behandelt, es werden aber auch die tiefe moralische Grundlage dieser Lehre besprochen, die eines der wesentlichen Vorurteile des Denkens ├╝ber den Menschen im Buddhismus als wertlose, von Gott verlassene Existenz widerlegt.

Im Jahre 1927 erblickt am selben Ort, in der Mongolei, eines der B├╝cher der Lebendigen Ethik das Licht der Erde "Gemeinschaft".

1928, nach der R├╝ckkehr von der zentralasiatischen Expedition, lassen sich die Roerichs im alten malerischen Kulu-Tal im westlichen Himalaya nieder. Hier gr├╝nden sie das Institut f├╝r Himalaya-Studien "Urusvati" - "Morgenstern". Roerich wird zum Ehren Vizepr├Ąsident dieser einzigartigen wissenschaftlichen Einrichtung gew├Ąhlt und ├╝bernimmt eine aktive Rolle bei der Organisation ihrer Arbeit. Hier, in Kulu, widmet sich Helena wieder der Hauptarbeit ihres Lebens - den B├╝chern der Lebendigen Ethik. Diese Arbeit f├╝hrt sie bis zu ihrem Tod fort. Die Lebendige Ethik als Philosophie der kosmischen Wirklichkeit enth├Ąlt ein einzigartiges System von Wissen basierend auf gemeinsamen und individuellen Gesetzen des Kosmos, deren untrennbarer Bestandteil die Erde und die Menschheit sind. Dieses System des Wissens der Lebendigen Ethik entspricht einer neuen evolution├Ąren Spirale der Menschheitsentwicklung, wenn das wissenschaftliche Denken ersetzt wird durch ein kosmisches Weltbild. Der Name der Philosophie selbst - Lebendige Ethik - verbindet Mensch und Kosmos zu einem vergeistigten System.

B├╝cher Lebendige EthikIm Jahre 1929 werden in Paris unter dem Pseudonym Jean Saint-Hilaire Helena Roerichs "Kryptogramme des Ostens" herausgegeben. Diese Werke (oder Apokryphen, d.h. Texte, die nicht in den kanonischen Schriften enthalten sind) handeln von den legend├Ąren und historischen Ereignissen l├Ąngst vergangener Tage und erz├Ąhlen ├╝ber die unbekannten Seiten des Lebens der Gro├čen Lehrer der Menschheit - Buddha, Christus, Apollonius von Tyana, Sergius Radoneschski. Dem Bild von Sergius, W├Ąchter und Besch├╝tzer der russischen Erde, widmet Helena Roerich ein separates Werk, in dem die perfekte Kenntnis der Geschichte und Theologie Vereinigung findet mit einer tiefen und ergreifenden Liebe zu diesem Glaubensk├Ąmpfer.

Eine brillante Beherrschung von Fremdsprachen und eine tiefe Kenntnis der Philosophie gestattet Helena Roerich die ├ťbersetzung der "Geheimlehre" - eine herausragende Arbeit der Gr├╝nderin der Theosophischen Gesellschaft, Helena Petrowna Blavatsky, sowie ausgew├Ąhlte Mahatma-Briefe in die russische Sprache f├╝hrte so russische Leser in diese wichtigen theosophischen Werke ein.

Einen besonderen Platz im Erbe der Helena Roerich nehmen ihre Briefe an die Sch├╝ler der Lebendigen Ethik ein. Wenn sich die Lehre der Lebendigen Ethik von Helena in Zusammenarbeit mit den Lehrern entwickelte, so sind die "Briefe" ist ein brillantes Beispiel ihrer individuellen Kreativit├Ąt. Mit der erstaunlichen Gabe eines Aufkl├Ąrers konnte sie in einfacher und leicht verst├Ąndlicher Sprache ihren Briefpartnern die schwierigsten Fragen des Seins erkl├Ąren. So auch ├╝ber die Stellung und Rolle des Menschen im Universum, ├╝ber die Gesetzm├Ą├čigkeiten des Zusammenspiels von Mensch und Kosmos, ├╝ber die Interdependenz von Geist und Materie.

Sie gab lebensnahe und praktische Ratschl├Ąge. Die Lekt├╝re dieser Briefe fasziniert nicht nur durch ihre profunde Kenntnis der antiken philosophischen Lehren und der Werke der fern├Âstlichen und europ├Ąischen Denker, sondern auch durch tiefgreifendes und klares Verst├Ąndnis der Grundlagen des Seins. Daher sind "Die Briefe" Helena Roerichs ein notwendiger und untrennbarer Bestandteil der Lebendigen Ethik.

Helena Roerichs BriefeDer Doppelband "Briefe von Helena Roerich" wurde im Jahre 1940 in Riga ver├Âffentlicht und sind seitdem mehrfach nachgedruckt worden. Zurzeit ist die komplette Sammlung der Briefe von Helena Roerich (Bd. I - IX) von der Manuskriptabteilung des Internationalen Roerichzentrums herausgegeben. Dort sind einige noch nie zuvor ver├Âffentlichte Briefwechsel enthalten, die eine vollkommen neues Bild auf die Beteiligung dieser herausragenden Frau an der Bewegung des Banners des Friedens, mit dem der Roerich-Pakt verbunden ist, erm├Âglicht. Man kann mit ├ťberzeugung sagen, dass ohne Helena Roerich der  Pakt nicht zustande gekommen w├Ąre. Sie war es, die w├Ąhrend der mandschurischen Expedition von Nicholas Roerich (1934 - 1935) die gesamte gesch├Ąftliche Korrespondenz mit den internationalen Kultur- und Bildungseinrichtungen gef├╝hrt und deren T├Ątigkeiten koordiniert hat. Das Ergebnis ihrer selbstlosen Arbeit zeigte sich in der Unterzeichnung des Roerich-Paktes am 15. April 1935 durch die Oberh├Ąupter von 22 Staaten, einschlie├člich der USA.

Im Januar 1948, kurz nach dem Tod ihres Mannes, verl├Ąsst Helena zusammen mit Yuri Roerich und das Kulu-Tal und l├Ąsst sich , nach einem kurzen Aufenthalt in Delhi und Khandala, in dem kleinen Kurort Kalimpong an den H├Ąngen des ├Âstlichen Himalayas nieder.

Helena Roerichs Portr├Ąt. 1937 Svetoslav RoerichHelena Roerich wollte immer nach Russland zur├╝ckkehren. Ihr R├╝ckkehrersuchen wurde jedoch von der sowjetischen Botschaft nicht beantwortet. Das gleiche Schicksal widerfuhr den Briefen und Petitionen an die Regierung. Auch die Akademie der Bildenden K├╝nste konnte nicht helfen. Aber trotz aller Ablehnungen hat Helena nie die Hoffnung auf R├╝ckkehr aufgegeben, hat immer gehofft, ihre gesammelten Sch├Ątze in das Land der Besten – so nannte sie Russland – zu bringen und dort, und seien es nur ein paar Jahre, arbeiten zu k├Ânnen. Bis zu ihren letzen Tagen hat die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihrer Heimat gehalten: "Es kann nicht sein, dass ich nicht komme. Ich muss kommen!", wiederholte sie bis kurz vor ihrem Abschied. Aber diese R├╝ckkehr fand nicht statt. Das Land weigerte sich, seine gro├če Tochter einreisen zu lassen. Am 5. Oktober 1955 scheidet Helena Roerich aus dem Leben.

Je mehr Zeit vergeht und je tiefer wir in das geistige und philosophische Erbe der gro├čen russischen Philosophin Helena Roerich eintauchen, desto deutlicher wird die Gr├Â├če ihres Schaffens f├╝r die Evolution des Planeten und der gesamten Menschheit.

 

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