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Roerich in Deutschland

Yuri Roerich (1902 - 1960)

(Freie Übersetzung des russischen Originals. Die Rechte am deutschen Text liegen beim Übersetzer)

Yuri Roerich ist einer der grĂ¶ĂŸten Orientalisten, Linguisten und EnzyklopĂ€disten des 20. Jahrhunderts, sein Name ist auf der ganzen Welt bekannt. Er beherrschte mehr als 30 europĂ€ische und asiatische Sprachen und Dialekte, war ein brillanter Kenner des Ostens und seiner Religion und Philosophie. Zudem reprĂ€sentierte er diejenige syntaktische Richtung der Orientalistik, auf die Russland mit Recht stolz sein kann.

Yuri RoerichYuri Roerich wird am 16. August 1902 im Dorf Okulovka in der Provinz Novgorod geboren. Seine Kindheit und Jugend verbringt er in Sankt Peterburg. Schon in frĂŒher Jugend ist der Junge von Geschichte und Militaristik fasziniert. Helena Roerich schreibt in ihren Briefen: "Der Ältere zeigte Liebe zu Geschichte und Zinnsoldaten. Er hatte Tausende davon. Seine Leidenschaft fĂŒr das MilitĂ€rwesen bleibt erhalten. Strategie ist sein Steckenpferd. Offensichtlich ist dieses Talent angeboren, und er ist sehr stolz auf einen seiner Vorfahren - Feldmarschall Michail Kutusov, Kriegsheld von 1812".

Bereits mit 15 Jahren beschĂ€ftigt sich Yuri Roerich zusammen mit dem berĂŒhmten Wissenschaftler und Ägyptologen B.A. Turaev mit der Ägyptologie, mit A.D. Rudnev widmet er sich der mongolische Sprache und Geschichte.

Die Vielfalt der Interessen und die Vielseitigkeit der Talente des jungen Roerich zeigen sich in seinen GemĂ€lden und grafischen Arbeiten, die er zu Schulzeiten anfertigt und die die kĂŒnstlerische Begabung von Yuri verdeutlichen.

Yuri Roerich 18 Jahre altNach Abschluss des Karl-May-Gymnasiums, tritt er der indo-iranischen FakultĂ€t der Schule fĂŒr orientalische Sprachen an der UniversitĂ€t von London bei. Die außergewöhnliche Sprachbegabung war so ausgeprĂ€gt, dass er als bester SchĂŒler in Sanskrit dem fĂŒr Indien zustĂ€ndigen StaatssekretĂ€r vorgestellt wird, als dieser der UniversitĂ€t einen Besuch abstattet.

Im September 1920 reist Yuri gemeinsam mit seinen Eltern in die USA. Dort schreibt er sich an der Harvard-UniversitĂ€t am Institut fĂŒr Indische Philologie ein, dort beginnen auch seine Studien der Pali- und chinesischen Sprache. Seine Zielstrebigkeit ist verblĂŒffend: mit 18 ist er schon ausgebildeter Orientalist, der seine eigene BetĂ€tigung und Ausrichtung in der Wissenschaft hat.

Nach Beendigung der Harvard-UniversitĂ€t mit Bachelor- und Masterabschluss setzt Yuri Roerich seine Ausbildung in Frankreich, und zwar an der Schule fĂŒr orientalische Sprachen an der UniversitĂ€t von Paris fort. Innerhalb eines Jahres arbeitet er in den zentralasiatischen und mongolisch-tibetanischen FakultĂ€ten der UniversitĂ€t, gleichzeitig studiert er an der MilitĂ€rfakultĂ€t und der FakultĂ€t fĂŒr Recht und Ökonomie. Im Jahr 1923 macht Yuri Roerich seinen Abschluss und erhĂ€lt den akademischen Grad eines Masters fĂŒr Indische Philologie.

Yuri Roerichs Zeichnung: Im Schloss, 1917-1918Bereits im Alter von 21 beginnt Yuri Roerich ein eigenes Forschungsprojekt. Von diesem Moment an soll seine gesamte weitere wissenschaftliche TĂ€tigkeit mit hohen humanistischen Bestrebungen erfĂŒllt sein.

Im Jahr 1923 zieht die Familie Roerich nach Indien. Hier beginnt die erste Etappe der zentralasiatischen Expedition des Nicholas Roerich. Nach einer zeitlich kurzen, aber sehr erfĂŒllten und ausgedehnten Reise durch Indien (Dezember 1923), fĂŒhren Yuri und seine Familie im Jahre 1924 weitere kleinere Expeditionen durch Sikkim - ein Land mit schneebedecktem Hochgebirge und uralten Klöstern - und durch Bhutan im östlichen Himalaya. Das Ergebnis dieser Reisen ist eine brillante Monographie "Tibetische Malerei" (Paris, 1925). Dieses wissenschaftliche Werk, das Yuri Roerich im Alter von 23 Jahren verfasst hat, ist einzigartig, da vergleichbare Werke weder damals noch heute geschrieben worden sind. Jahrzehnte spĂ€ter, im Jahre 2002, wird die moderne Neuauflage dieser Studie des Internationalen Roerich-Zentrums vom Dalai Lama hoch gelobt.

Helena und Yuri Roerich auf Expedition 1927-1928Von 1925 bis 1928 ist Yuri Roerich Teilnehmer der Hauptetappe der zentralasiatischen Expedition. Yuri ist, trotz seines jungen Alters, zustĂ€ndig fĂŒr die Sicherheit der Expedition. Hierbei kommen ihm seine militĂ€rischen Kenntnisse sehr zu Nutzen. Nicht nur einmal retten sein taktisches Geschick und sein persönlicher Mut die Karawane. DarĂŒber hinaus fungiert er als Übersetzer, da er perfekt die mongolische und tibetische Sprache sowie auch mehrere zentralasiatische Dialekte beherrscht. So ist es möglich, mit der lokalen Bevölkerung zu kommunizieren und unschĂ€tzbare wissenschaftliche Wert zu schaffen. Es ist gewiss keine Übertreibung zu sagen, dass ohne Yuri viele Aufgaben der zentralasiatischen Expedition nicht lösbar gewesen wĂ€ren.

Die Ergebnisse dieser einzigartigen Expedition finden sich in Yuri Roerichs Monographie "Auf den Spuren von Mittelasien" (London, 1931) wieder, die den junge Forscher in die Reihen der wissenschaftlichen Pioniere Asiens hebt.

Die Entdeckung der Menhire, Steinkreise und SteingrĂ€ber wĂ€hrend der zentralasiatischen Expedition in Tibet beschreibt Yuri in seinem Werk "Der wilde Stil der Nomaden des nördlichen Tibet" (Prag, 1930), das eine Sensation in der Welt der Wissenschaft wird. L.N. Gumilev schreibt: "Die Arbeit Yuri Roerichs ĂŒber den "wilden Stil" in Tibet ist seit langem eine bibliographische RaritĂ€t und wird von allen Historikern der skythischen und sarmatischen Kunst als epochale wissenschaftliche Arbeit zitiert."

Am Ende der Expedition wird das enorme wissenschaftliche Material, das auf der Wegstrecke zusammengetragen wurde, an das Institut fĂŒr Himalaya-Studien "Urusvati" ĂŒbergeben, das im Juli 1928 gegrĂŒndet wurde. So schreibt L.V. Shaposchnikova, grĂ¶ĂŸte zeitgenössische Erforscherin des Lebens und Wirkens der Roerich-Familie, in ihrem Werk "Licht des Morgensterns", dieses Material "war das erste wertvolle Samenkorn derjenigen neuen Wissenschaft, ĂŒber die die Lebendige Ethik schrieb und Lehrer sprachen, die hoch oben auf der Leiter der kosmischen Evolution standen." Mehr als 10 Jahre ist Yuri Roerich unabsetzbarer Direktor des Instituts.

Yuri Roerich 1930In Festlegung der Ziele des Instituts schreibt er: "VerstĂ€ndnis der wichtigsten Wege in der menschlichen Entwicklung ist ein Schritt zum VerstĂ€ndnis des Selbst. Mit Blick auf die Vergangenheit entdecken wir fĂŒr uns in die Gegenwart. <...> In den Bergen versteckt ist eine vergessene Zivilisation, die uralte Weisheit und Kultur bewahrt. Genau hier kann die in eine Sackgasse geratene Wissenschaft ihre Erneuerung finden. Uralte Weisheit ist der SchlĂŒssel, mit dem ArchĂ€ologen und Naturforscher die Geheimnisse der Kultur des Ostens öffnen. <...> Es kommt einmal wieder eine Zeit, wenn Wissen um den Osten in unser Leben tritt und sich die Wissenschaft zum Untertan macht."

In den Jahren 1934 - 1935 unternimmt Yuri Roerich zusammen mit Nicholas Roerich eine Expedition in die Mandschurei und die Innere Mongolei, organisiert auf Veranlassung des Landwirtschaftsministeriums der USA und mit dem Ziel, um Samen dĂŒrreresistenter Pflanzen zu finden, durch die Bodenerosion und Ausbreitung von SchĂ€dlingen verhindert werden können. Neben der rein wissenschaftlichen Aufgaben hat die Expedition aber auch einen sozio-kulturellen Zweck – der Aufbau landwirtschaftlicher Genossenschaften auf Basis breiter Zusammenarbeit der Völker auf dem Territorium der Mandschurei und, spĂ€ter, der Inneren Mongolei.

Als ein hervorragender Gelehrter und Lexikograph wird Yuri Roerich zum Mitglied der Royal Asiatic Society in London, der Asiatic Society of Bengal, der Pariser Geographischen Gesellschaft, der Amerikanischen archÀologischen und ethnographischen Gesellschaft sowie weiteren Einrichtungen gewÀhlt.

Yuri Roerich, Kalimpong 1950Yuri Roerich verbringt mehr als 35 Jahre seines Lebens im Ausland, lĂ€ngere Zeit lebt er in Indien. Doch trotz alledem bleibt er stets ein wahrer Patriot seiner Heimat, niemals nimmt er eine auslĂ€ndische StaatsbĂŒrgerschaft an. Als Nazi-Deutschland die Sowjetunion ĂŒberfiel schickt Yuri sofort ein Telegramm an die sowjetische Botschaft in London mit dem Antrag auf Zulassung als Freiwilliger in der Roten Armee, aber er erhĂ€lt eine Absage.

Im August 1957 kehrt Yuri Roerich aus Indien nach Moskau zurĂŒck. Dies ist der persönlichen Intervention von Nikita Chruschtschow zu verdanken, der mit Yuri Roerich wĂ€hrend eines offiziellen Besuchs in Indien zusammengetroffen war. Erst danach erhĂ€lt Yuri Roerich die sowjetische StaatsbĂŒrgerschaft und die Erlaubnis, in die Heimat zurĂŒckzukehren.

In Moskau beginnt Yuri Roerich seine Arbeit am Institut fĂŒr Orientalistik der Akademie der Wissenschaften der UdSSR als Leiter der "Sektion fĂŒr Philosophie und religiöse Geschichte Indiens." In den nur knapp drei Jahren in der Sowjetunion (August 1957 - Mai 1960) vollbringt er eine unglaublich große Menge an Arbeit, fĂŒr die man normalerweise ein ganzes Leben braucht. Yuri Roerich belebt die Tradition der akademischen Orientalistik in Russland, grĂŒndet eine nationale Schule fĂŒr Tibetologie und beginnt erstmals in der Sowjetunion Sanskrit zu lehren, legt den Grundstein fĂŒr eine neue Wissenschaft – Yuri Roerich: Tibetische Malereidie Nomadistik (Studium der NomadenstĂ€mme). WĂ€hrend seiner nur kurzen TĂ€tigkeit in Moskau bereitet Yuri Roerich ein mehrbĂ€ndiges Tibetisch-Russisch-Englisch-Wörterbuch mit Parallelen zum Sanskrit und eine große Anzahl von Artikeln und wissenschaftlichen Arbeiten zur Veröffentlichung vor. Auf Initiative von Yuri werden die Arbeiten an der Übersetzung und Veröffentlichung der antiken philosophischen und literarischen DenkmĂ€ler des Ostens wieder aufgenommen. Er erneuert die berĂŒhmte Serie "Biblioteca Buddhica", die im Jahre 1897 vom prominenten russischen Orientalisten S.F. Oldenburg begrĂŒndet wurde und die sich der buddhistischen Philosophie, Religion und Kunst widmet, indem er als wissenschaftlicher Redakteur des Buches "Tibetische Historische Literatur" von A.I. Vostrikov und der grundlegenden buddhistischen Schrift "Dhammapada" (Sammlung der AusspĂŒche Buddhas) tĂ€tig ist. Dieses Literaturdenkmal des altindischen philosophischen Denkens war die wichtigste Etappe in der Erforschung des Buddhismus in unserem Land.

Besonders hervorzuheben ist das lange als Manuskript bewahrte fundamentale wissenschaftliche Werk Yuri Roerichs "Geschichte Zentralasiens", an dem er bereits in Indien gearbeitet hat und das er in der Heimat fertigstellen wollte. Unter dem Begriff "Zentralasien" versteht Yuri Roerich das weite Gebiet vom Kaukasus bis zu den Großen Khingan-Bergen und vom Himalaja bis zum Altai. Diese Forschungsarbeit ist ein kultureller und historischer Überblick ĂŒber die wichtigsten nationalen und kulturellen Einrichtungen auf dem riesigen Gebiet Eurasiens. Bislang hat der Internationale Roerich-Zentrum 1 Band dieses einzigartigen Werks veröffentlicht.

Die RĂŒckkehr Yuri Roerichs nach Russland und die Annahme der sowjetischen StaatsbĂŒrgerschaft waren ein mutiger und selbstloser Schritt, wenn man bedenkt, dass fĂŒr eine lange Zeit die herrschenden Kreise der Sowjetunion ein verzerrtes Bild dieser bemerkenswerten Familie in der Öffentlichkeit verbreitet hatten.

Wir haben es insbesondere Yuri Roerich zu verdanken, dass wir die Möglichkeit haben, umfassende Bekanntschaft mit dem vielschichtigen kĂŒnstlerischen Erbe seiner Eltern - Nicholas und Helena Roerich - machen zu können. Der gehegte Traum der Eltern einer RĂŒckkehr in ihre Heimat hat sich zu Lebzeiten nicht erfĂŒllt. Dies schaffte jedoch der Ă€lteste Sohn Yuri Roerich, der die ihre guten Namen und das große VermĂ€chtnis in die Sowjetunion zurĂŒckgebracht hat. Er brachte den ihm gehörenden Teil des Erbes der Eltern in die Heimat: mehr als 500 GemĂ€lden seines Vaters, eine riesige Bibliothek, wertvolle GegenstĂ€nde.

Unter direkter Beteiligung Yuri Roerichs fielen nicht nur Verbote fĂŒr alles, was mit dem Namen Roerich in Verbindung stand, es wurden auch viele Mythen ĂŒber ihr Leben und ihre Arbeit begraben. Von Yuri Roerich erfuhren die ihn umgebenden Menschen ĂŒber das Wesen und die wichtigsten Konzepte der Lehre der Lebendigen Ethik, auch Agni Yoga genannt. Er war es, der den Grundstein zur Roerich-Kulturbewegung in der UdSSR legte.

Unter Teilnahme und mit Hilfe von Yuri Roerich entstanden die ersten Ausstellungen mit Bildern von Nicholas Roerich: zuerst in Moskau (April 1958), dann in Leningrad, Riga, Kiew, Tiflis und anderen StÀdten.

Yuri Roerich in Moskau 1958-1960Zum ersten Mal stellte Yuri Roerich auf Regierungsebene die Frage, im Land ein Nicholas-Roerich-Museum zu aufzubauen. Hierzu stiftete er dem Russischen Museum ungefĂ€hr 350 Bilder seines Vaters unter der Bedingung, dass sie stĂ€ndig ausgestellt werden. ZusĂ€tzlich schenkte er 60 GemĂ€lde der Bildergalerie Novosibirsk. Doch zu Lebzeiten hat sich Yuri Roerichs Traum nicht erfĂŒllen sollen. Der Staat hat auch keine stĂ€ndige Ausstellung der Kunstwerke Nicholas Roerichs im Russischen Museum aufgebaut. Die Mehrzahl der GemĂ€lde ist bis heute keinem Betrachter gezeigt worden und verstaubt in den Archiven.

Yuri Roerich war als Mensch, als Gelehrter und als BĂŒrger seines Landes eine herausragende Persönlichkeit. Laut Svetoslav Roerich war "Yurij - das Muster eines wahren und inspirierten Wissenschaftlers und Denkers, ein Mann von höchster seelischer Harmonie. Er wusste genau, dass die höchste Errungenschaft des Menschen in der Selbstverbesserung seiner Persönlichkeit liegt, dass nur die stĂ€ndige Arbeit an sich selbst und die Entwicklung einer QualitĂ€t, die dem Menschen innewohnt und der ein vollendetes Leben erstrebt, eine allseitige Bereicherung seiner Besonderheit schenkt und diese ĂŒber das Niveau des AlltĂ€glichen hinweghebt. "

Yuri Roerich verstirbt am 21. Mai 1960 im Alter von 58 Jahren. Seine Urne wird auf dem Friedhof Nowodewitschi in Moskau beigesetzt. Erbauer des Denkmals fĂŒr diesen hervorragenden russischen Wissenschaftler ist Svetoslav Roerich.

 

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